PMCA IMPULS REPORT / 22.02.2021 / Die Veränderungen im Pharmamarkt 2020 und ihre Auswirkungen auf 2021

PMCA IMPULS REPORT / 22.02.2021 / Die Veränderungen im Pharmamarkt 2020 und ihre Auswirkungen auf 2021

Der Pharma-Gesamtmarkt ist im abgelaufenen Jahr umsatzmäßig um 6 Prozent gewachsen und zeigte in allen Segmenten eine positive Entwicklung. Nach Menge betrachtet gab es allerdings für den Gesamtmarkt ein Rückgang von 4,5 Prozent, der sich durch alle Segmente zog. Diese Marktergebnisse der IQVIA wurden beim PMCA Impuls durch Expertenstatements aus der Pharmaindustrie, Ärzte- und Apothekerkammer zu einer umfassenden Analyse des Corona-Jahres ergänzt.
Traditionellerweise werden beim zweiten Impuls des Pharma Marketing Clubs Austria (PMCA) die Entwicklungen des Pharmamarkts des Vorjahres analysiert und ein Ausblick in die Zukunft gegeben Corona-bedingt fand diese Marktanalyse heuer erstmals virtuell statt. Mag. Stefan Baumgartner, General Manager IQVIA Austria präsentierte einen kurzen Überblick zur Entwicklung des Pharmamarktes im abgelaufenen Jahr, daran anschließend diskutierten unter der Leitung des neuen PMCA-Präsidenten, Mag. Dietrich Göller, Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig, Dr. Wolfgang Andiel, Präsident des Generikaverbands sowie Dr. Silvester Hutgrabner von der Ärztekammer Österreich und Dr. Gerhard Kobinger von der Apothekerkammer die praktischen Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf die Pharmabranche und die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln.
Pandemie im Pharmamarkt spürbar
Der Gesamtmarkt (OTC und RX), berechnet nach Fabriksabgabepreisen (FAP), war 2020 4,8 Mrd. Euro schwer und ist um 6 Prozent gegenüber 2019 gewachsen. Die öffentlichen Apotheken hatten ein wertmäßiges Wachstum von 5 Prozent, die Hausapotheken verzeichneten einen Umsatzzuwachs von 7,8 Prozent und die Krankenhausapotheken ein Plus von 7,4 Prozent. Vergleicht man die Marktentwicklung der letzten drei Jahre, zeigt sich, dass es 2019 mit 4,5 Prozent ein deutlich geringeres Wachstum gab als 2020 und 2018 (+6,2 Prozent). Baumgartner präsentierte einen Monatsvergleich des Vorjahres, bei dem die geänderte Umsatzentwicklung zu den üblichen Geschäftsjahren auffällt. Hier sticht der März 2020 mit einem Umsatzplus von 30 Prozent hervor, während April und Mai des Vorjahres einen Geschäftsrückgang von 10 bzw. 11 Prozent aufwiesen. Der Grund für den starken Zuwachs im März verortete Baumgartner in der Bevorratung im Zuge des sich ankündigenden Lockdowns. Dieser Nachfrageboom im März stellte auch für die Supply-Chain eine große Herausforderung dar, um die Nachfrage bedienen zu können.
Faktoren die die wirtschaftliche Entwicklung im niedergelassenen Bereich im Vorjahr begünstigt haben, waren die telefonische Verordnung, die Aussetzung der chefärztlichen Bewilligung für einige Medikamente – eine sichtbare Veränderung im Umsatz bei davon betroffenen Medikamenten lässt sich laut Baumgartner aber aus den Zahlen allerdings nicht ableiten und die Abholung von Medikamenten ohne Papierrezept. Ein Treiber, vor allem für die Bevorratung war, dass die Anzahl der Packungen pro Verschreibung nach oben verändert wurde.
Stark sichtbar werden die Effekte der Pandemie auch in der Mengenkomponente. Der Gesamtmarkt, Retail und Hospital ist um 4,5 Prozent zurückgegangen. Damit verzeichnete der Österreichische Pharmamarkt zwei Jahre in Serie eine rückläufige Entwicklung. Den Rückgang 2019 von 0,5 Prozent verortet Baumgartner in geänderte Packungsgrößen im Segment der Analgetika, da der Packungsinhalt deutlich vergrößert wurde und die für die Statistik relevante Packungsanzahl gesunken ist.
Der starke Rückgang 2020 sei – wie medial thematisiert – auf die Rückläufige Nachfrage nach Husten und Erkältungsprodukte zu erklären. Aber auch der Verkauf von Antirheumatika oder Ulkus Produkte
ist zurückgegangen. Nach Monaten aufgeteilt zeigt sich, dass im ersten Quartal 2020 Zuwächse im Packungsabsatz zu verzeichnen waren, der im März mit 33 Prozent Zuwachs seinen Höhepunkt erreichte. Ab dann erholte sich der Markt nicht mehr.
Für die Marktanalyse 2020 wurde anhand von Panel-Apotheken die Entwicklung des Kundenverhaltens in den Apotheken erhoben. Demnach gab es im ersten Quartal einen Zuwachs von rund 3 Prozent auf den ein Einbruch um 15 Prozent im Folgequartal zu verzeichnen war. Die letzten beiden Quartale wiesen jeweils einen moderateren Rückgang in der Kundenfrequenz auf. Während der Bereich der verschreibungspflichtigen Packungen im vergangenen Jahr leicht zugenommen hat, brach der Bereich der verschreibungsfreien (OTC) Packungen massiv um 5,6 Prozent ein. Durch den Rückgang an winterlichen Erkältungskrankheiten und die Personenbeschränkung im Verkauf haben für einen Rückgang der abgegebenen Packungen (Rx + OTC) in den öffentlichen Apotheken um 1,4 Prozent gesorgt.
Der erstattungsfähige Markt ist im Vorjahr um 6,3 Prozent gewachsen, wobei die „dunkelgelbe Box RE1“ (chef- und kontrollärztlichen Genehmigungspflicht) mit 13,1 Prozent das größte Wachstum zu verzeichnen hatte. Nach Umsatz gemessen, konnte auch der Consumer Healthcare Markt um 1,1 Prozent zulegen, allerdings ging der Absatz um 5,6 Prozent zurück.
Stimmen aus der Diskussion
Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig
Die COVID-19-Pandemie hat die pharmazeutische Industrie weltweit in den Fokus gerückt. In der Impfstoff- und Therapie-Entwicklung sind aber nur wenige Unternehmen des österreichischen Pharma-Marktes tätig. Diese profitieren aber von der hohen Aufmerksamkeit. Dagegen hat sich beim Großteil der in Österreich tätigen Pharma-Unternehmen das Zurückfahren der Regelversorgung entsprechend negativ auf die Umsätze ausgewirkt. Die Krise bewirkte auch eine intensive Zusammenarbeit innerhalb der pharmazeutischen Industrie. Mitbewerber haben sich zusammengeschlossen, um Entwicklungsprojekte schneller voranzutreiben sowie mit dem Ziel, die Produktionskapazitäten zu erhöhen. Da wir davon ausgehen können, dass wir dieses Jahr die Pandemie dank der Impfungen und der in Erprobung stehenden medikamentösen Therapien in den Griff bekommen werden, wird sich heuer die Situation bei den Umsätzen entspannen.
Abseits der allgegenwärtigen Corona-Pandemie setzen wir uns für Anpassung der Preise jener rezeptpflichtigen Arzneimittel ein, deren Preise unter der Rezeptgebühr liegen. Dazu sollte ein vereinfachtes Verfahren etabliert werden. Der Nutzen wäre, dass der Zugang zu günstigen, bewährten und effektiven Therapien auch weiterhin für die Bevölkerung gegeben ist sowie bestehende Produktionsstätten abgesichert und einen Abzug verhindert werden kann. Auch der Zugang zu innovativen Arzneimitteln muss in Österreich schneller und zum Zeitpunkt und im Umfang der (europäischen) Zulassung erfolgen. Dabei liegt der Fokus auf dem intramuralen Bereich, da pharmazeutische Innovationen oftmals dort zuallererst eingesetzt werden. Der Nutzen für die Bevölkerung wäre, einerseits dass sie flächendeckend nach dem neuesten Stand der Medizin behandelt zu werden und andererseits einen Patiententransfer unter den Bundesländern vermeiden wird, um an eine Therapie zu gelangen.
Dr. Wolfgang Andiel, Präsident des Generikaverbands
Das Jahr 2020 war ein Worst-Case-Szenario für die pharmazeutische Industrie. Von 71 versorgungswirksamen Wirkstoffen für Covid-19 Patientinnen und Patienten, sind 69 generisch. Deren Produktion wurde schon vor langer Zeit aus Kostengründen in den asiatischen Raum verlegt. Dennoch werden noch rund ein Drittel der patentfreien Wirkstoffe in Europa hergestellt. In der Pandemie konnte die pharmazeutische Industrie rasch Transparenz in die Versorgungssituation bringen, wodurch es letztendlich zu keinen nennenswerten Versorgungsausfällen gekommen ist. Zum Teil haben sogar die globalen Logistikketten besser funktioniert als die europäischen, wo durch nationalstaatliche Maßnahmen plötzlich Grenzen gesperrt waren. Wichtig ist daher die Robustheit der Lieferketten zu gewährleisten und in den Arzneimittelmärkten Rahmenbedingungen zu schaffen, die nicht zu Versorgungsengpässen führen. Die größten Faktoren für Engpässe sind Preis und Kostendruck sowie die regulatorischen Aufwände, um eine Zulassung im Markt aufrecht zu erhalten.
Dr. Silvester Hutgrabner, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte, Ärztekammer Oberösterreich
Im Hausapothekenbereich hatten wir eine ähnliche Situation wie in den öffentlichen Apotheken. Umsatzeinbußen konnten wir durch telemedizinische Maßnahmen und Telefon-Sprechstunden etwas abfedern. Kritisch sehen wir die Preisentwicklung im Medikamentenbereich. Mittlerweile müssen die Patientinnen und Patienten über 40 Prozent der Medikamente selbst bezahlen. Durch die Erhöhung der Rezeptgebühr bei gleichzeitig laufend sinkenden Medikamentenpreise ist zu befürchten, dass die Patientinnen und Patienten in Zukunft noch mehr selber zahlen müssen. Bezüglich der Umstellung auf Generika hat speziell das letzte Jahr gezeigt, dass so ein Umstieg telefonisch oder telemedizinisch nur sehr schwer zu vermitteln ist – speziell im Bereich der Psychopharmaka. Aber dennoch hat die Pandemie gezeigt, dass die Telemedizin eine gute Ergänzung zum konventionellen Angebot einer Arztpraxis ist.
Sehr problematisch erachten wir, dass die Bevölkerung durch entsprechende Meldungen verunsichert wurde und aus Angst vor Ansteckungen viel zu selten eine Arztpraxis aufgesucht hat. Dadurch bleiben viele Krankheiten und Beschwerden unbehandelt. Problematisch war auch, dass im letzten Jahr vor allem Zahlen kommuniziert wurden, wobei man auch da nicht bei einem aussagekräftigen Wert geblieben ist, sondern immer wieder andere Parameter herangezogen hat.
Dr. Gerhard Kobinger, Präsident der Apothekerkammer Steiermark
Wir verzeichnen ein starkes Ansteigen im hochpreisigen Segment. Lag 2010 beim Krankenkassenumsatz der Anteil der Medikamente im Warenwert von über 200 Euro bei 25 Prozent, stieg dieser Wert 2020 auf 48 Prozent. Der Grund sind einerseits neue, innovative Arzneispezialitäten und andererseits sind am anderen Ende Medikamente, die aus der Verrechnung gefallen sind, weil deren Preis unter die Rezeptgebühr gesunken ist. Das bedeutet für uns Apotheken ein Margenproblem, weil auf Grund der degressiven Spannenberechnung die Marge in diesem Hochpreis-Segment nicht mehr sehr hoch ist.
Ein zweiter Punkt ist die heterogene Umsatzentwicklung bei den Apotheken. So konnten wohnortnahe Apotheken die Krise tendenziell besser verkraften als Frequenzapotheken in Einkaufslagen, die bislang immer hohe Privatumsätze hatten. In Summe haben die Apotheken im Vorjahr rund 1,8 Prozent
Umsatz eingebüßt. Ein Teil des Umsatzes dürfte auch in den Onlineversandhandel abgewandert sein. Nicht zuletzt auf Grund der guten Rückmeldungen aus der Bevölkerung während der Krise, muss die Zustellung von Medikamenten durch die niedergelassenen Apotheken dauerhaft kommen.

Rückfragehinweis:
Mag. Dren Elezi, MA
PR-Consultant
Welldone Werbung und PR
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