PMCA Impuls-Report / 23.1.2012 / Zielgruppe Privatpatient

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: die vergangenen 15 Jahren ist es zu einem rasanten Anstieg der Wahlärzte gekommen und es gibt bereits deutlich mehr Wahl- als Kassenärzte in Österreich. Ob die österreichischen Mediziner dabei einem generellen Trend in der Gesundheitswirtschaft folgen, wurde beantwortet von Dr. Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer und Mitbegründer der Plattform Gesundheitswirtschaft und von Mag. Christoph Sauermann, Geschäftsführender Gesellschafter der iJoule GmbH und Gesellschafter von mediclass GmbH.

In seiner ersten Veranstaltung im neuen Jahr beschäftigte sich der PMCA gleich mit einem Megatrend – dem privaten Gesundheitsmarkt. In der bewährten Location Wolke 21 im obersten Stock des Saturn Towers trafen sich Branchenvertreter um mit den Experten zu erörtern, wie sich die Gesundheitswirtschaft auf Selbstzahler einstellt.

Den Anfang machte Dr. Martin Gleitsmann, Mitbegründer der Plattform Gesundheitswirtschaft (www.wirmachengesundheit.at), die sich als Sprachrohr der heimischen Gesundheitswirtschaft versteht. Ziele der Plattform sind die positive Besetzung des Themas Gesundheit, die Stärkung von Gesundheitsberufen und von Eigenverantwortung und mehr Wettbewerb und Qualität im Sektor Gesundheit. In einem Überblick über die unterschiedlichen Branchen und die Zielgruppe Privatpatient präsentierte Gleitsmann eine Reihe eindrucksvoller Daten. Private Ausgaben für Gesundheit liegen in Österreich mit 2,4 Prozent Anteil am BIP genau im OECD-Schnitt. Wachstumsbranchen innerhalb des Sektors sind unter anderem rezeptfreie Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, aber auch private Versicherungen und Gesundheitstourismus. 2008 gaben die privaten Haushalte allein 4,6 Milliarden Euro für Alternativmedizin und freiwillige ärztliche Leistungen aus. Der gesamte Gesundheitsmarkt in Österreich belief sich nach Daten der Statistik Austria 2008 auf 34,7 Milliarden Euro. Der private Markt hatte hier bereits einen Anteil von 13,4 Milliarden Euro, das entspricht rund 39 Prozent. Die Österreicher gaben damit privat pro Kopf 1.600 Euro für Gesundheit aus, und laut einer aktuellen Umfrage sind die privaten Gesundheitsausgaben der Österreicher trotz Wirtschaftskrise gleich hoch geblieben.

 

Selbstzahler entlasten öffentliche Versorgung

Rund 2,8 Millionen Österreicher – das sind 34 Prozent der Bevölkerung – haben eine private Krankenversicherung. Pro Jahr fließt durch Leistungen der privaten Krankenversicherung circa eine Milliarde Euro in das Gesundheitssystem. Zur oft geäußerten Befürchtung, private Versicherungen im Gesundheitswesen würden zu Zwei-Klassen-Medizin führen, meint Gleitsman: „Das Schreckgespenst „Zwei-Klassen-Medizin“ ist zwar öffentlichkeitswirksam, aber objektiv nicht nachvollziehbar. Gegenleistungen beinhalten freie Arztwahl, flexible Termingestaltungen und höheren Komfort in Krankenhäusern – nicht mehr, nicht weniger. Außerdem stellen die Beiträge privat Versicherter sicher, dass Ärzte weiterhin an öffentlichen Spitälern tätig sind. Sie verhindern die Abwanderung von Spitzenmedizinern aus dem öffentlichen Gesundheitssystem. Denn Sonderklassehonorare machen einen bedeutenden Anteil des Arzteinkommens aus. Ohne diese Honorare wären Spitzenärzte kaum an öffentlichen Krankenhäusern zu halten. Somit sichern die Beiträge der privat Versicherten medizinische Leistungen auf Spitzenniveau für alle.“ In Wien nehmen nur 25 Prozent der privat Versicherten eine öffentliche Krankenanstalt in Anspruch. Diese Patienten finanzieren den größten Teil ihrer Behandlungskosten selbst und nehmen die Operationskapazitäten öffentlicher Spitäler nicht in Anspruch. Dadurch sorgen sie also für eine Entlastung der öffentlichen Spitäler.

 

Wertewandel als Wachstumsmotor

Der Anteil der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialsektor in Österreich wächst pro Jahr um 2,4%. Das bedeutet, dass künftig jeder fünfte Arbeitsplatz in diesem Sektor angesiedelt sein wird. Eine Prognose über den gesamten österreichischen Gesundheitsmarkt von 2005 bis zum Jahr 2020 von Statistik Austria und Wirtschaftsforschungsinstitut geht von einem Wachstum von 121% aus. Der Gesamtmarkt wird dann eine Größe von 67,8 Milliarden Euro haben, der Anteil des privaten Marktes wird 24 Milliarden Euro ausmachen. Neben dem medizinisch-technischen Fortschritt spielt vor allem der Wertewandel der Gesellschaft die größte Rolle. Hier ist laut Martin Gleitsmann vor allem der Entwicklung vom Patienten zum Kunden besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Der Patient als kritischer Kunde

Für Christoph Sauermann, studierter Ökonom und Wirtschaftswissenschafter, ist das Verständnis, den Patienten als Kunden zu betrachten, zentrale Philosophie bei der Entwicklung seiner Geschäftsideen. Nach 17 Jahren internationaler Management Erfahrung in der Pharmabranche gründete er zunächst die Internet-Plattform www.ijoule.com,  die Menschen dabei unterstützt, durch schrittweise Lebensstiländerung ihr Gewicht zu normalisieren. Mit seiner zweiten Gründung, der mediclass GmbH (www.mediclass.com), ging er diesen Weg deutlich weiter. Die Idee hinter mediclass beschreibt Sauermann knapp: „Wir bieten mit mediclass ambulante Privatmedizin, die sich jeder leisten kann.“ Das Konzept dahinter ist bestechend einfach: Die Kunden bezahlen einen geringen monatlichen Beitrag und mediclass betreibt mit diesen Einnahmen ein Zentrum, in dem selbstständigen Privatärzten aus nahezu allen Fachrichtungen eine komplette Ordinationsinfrastruktur zur Behandlung der Patienten zur Verfügung gestellt wird. Die Ärzte müssen sich also um keinerlei Administration abgesehen von der Dokumentation kümmern und können sich voll und ganz auf die Patienten konzentrieren. Der Kunde hat noch den zusätzlichen Vorteil, dass er nur zwischen 20 und 70 Prozent des üblichen Privathonorars zahlt.

 

Gesundheitsförderung lohnt sich

Sauermann ist sich sicher, dass private Haushalte in Zukunft deutlich mehr für Gesundheit ausgeben werden. Das hat seiner Meinung nach zwei wesentliche Ursachen: zum einen die ständig steigenden Kosten im staatlich finanzierten Gesundheitswesen, das nicht mehr in der Lage sein wird, alles zu bezahlen – hier sieht er vor allem die chronischen Erkrankungen als eines der größten Probleme, und zum anderen die Menschen selbst. Er ist überzeugt, dass Vorsorge und Gesundheit weniger abhängig von Einkommen, sondern vielmehr von der Einstellung sind: „Wir erleben einen Boom von Fitness, Wellness, Functional Food und vielen anderen gesundheitsfördernden Dingen. Die Menschen achten mehr denn je auf ihre Gesundheit und auf ihr Wohlbefinden.“ Aber auch immer mehr Unternehmen starten betriebliche Gesundheitsförderungsprogramme für ihre Mitarbeiter, denn kranke Mitarbeiter kosten viel Geld und der Return of Invest bei Programmen zur Gesundheitsförderung ist viel höher als bei anderen Investitionen. Verschiedene Studien zu diesem Thema sprechen von einer Reduktion der Fehzeitenkosten um bis zu 34 Prozent und einer Produktivitätssteigerung um bis zu 10 Prozent. Sauermann abschließend: „Auch die Versicherungen erkennen, dass Prävention deutlich günstiger ist als Reparaturmedizin und unterstützen Vorsorgemaßnamen ihrer Versicherten. Das ist ein eindeutiger Wertewandel.“

 

Über den PMCA

Der Pharma Marketing Club Austria ist eine Plattform für alle TeilnehmerInnen am Gesundheitsmarkt. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 bietet der PMCA seinen Mitgliedern regelmäßig Informationsveranstaltungen und Workshops an, die Weiterbildung und Know-How-Transfer ermöglichen. Mittlerweile profitieren über 450 Mitglieder vom regen Wissensaustausch sowie dem Networking und erfahren die neuesten Trends auf dem Gesundheitsmarkt aus erster Hand.