PMCA Impuls-Report / 18.3.2013 / Chancen der Biotechnologie

Chancen der Biotechnologie – wissenschaftlich und wirtschaftlich

So viele gute Ideen, so begrenzte Mittel. Die Biotechnologie bietet große Chancen, die Medizin auch weiterhin zu revolutionieren. Doch gerade in einer höchst investitionsintensiven Branche wie dieser, in der Entwicklungen große Mengen an zeitlichen und finanziellen Ressourcen in Anspruch nehmen, stellt sich in Zukunft die Frage nach der Machbarkeit und der Finanzierung, selbst an einem ausgezeichneten Biotechnologie-Standort wie Österreich. Zwei Experten beleuchteten die Chancen der Branche am 18. März 2013 im Rahmen der PMCA-Fortbildungsreihe im Saturn-Tower und diskutierten Modelle, wie man sich für die Zukunft rüsten kann.

(Wien, 19. März 2013) – Die dritte Veranstaltung des Pharma Marketing Club Austria (PMCA) im Jahr 2013 beschäftigte sich mit einem Rückblick auf die Erkenntnisse der Biotechnologie sowie einem Ausblick auf die Chancen der Branche aus wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht. Em. o. Univ.-Prof. DI Dr. Herman Katinger, em. Vorstand des Instituts für angewandte Mikrobiologie der Universität für Bodenkultur sowie Gründer und CSO der Polymun Scientific Immunbiologische Forschung GmbH. begann den Abend mit einem Rückblick auf die historischen Meilensteine der Biotechnologie und unterlegte diesen mit wissenschaftlichen Fakten sowie mit persönlichen Anekdoten aus seiner eigenen Forschungsvergangenheit und -gegenwart.

Biotechnologie revolutioniert(e) die Medizin
Biotechnologie ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit der Nutzung von Enzymen, Zellen und Organismen in technischen Anwendungen beschäftigt und sich im Bereich der „Medicare“ hauptsächlich auf die Präzision diagnostischer Erkenntnisse sowie die Entwicklung biopharmazeutischer Wirkstoffe fokussiert.

Als wirtschaftspolitisches Aushängeschild ist die österreichische Biotech-Branche mit ihren Kompetenzclustern und Produktionsstandorten neben einem Innovationstreiber auch ein wichtiger Jobmotor. Österreich ist mit seinen über 210 hauptsächlich klein- und mittelständischen Betrieben in Europa ein zentraler Standort, der als wichtige Quelle für weit entwickelte Arzneimittelkandidaten, Produkte, Technologien und Dienstleistungen international anerkannt ist. „Unter den österreichischen Biotech-Firmen befinden sich auch zwei der weltgrößten Hersteller. Aber nur durch nachhaltiges Management und moderne Finanzierungsmöglichkeiten kann sich die Branche auch für die Zukunft rüsten“, so Katinger über die zukünftigen Herausforderungen.

Dass die Biotechnologie großes für die Menschheit geleistet hat, zeigen vergangene Meilensteine, von der Entdeckung der Antibiotika, über die Entdeckung von Restriktionsenzymen zur Entschlüsselung der DNA, hin zu Zytokinen (Signal- und Botenstoffe des Immunsystems, die als Marker Kommunikation „sichtbar“ machen können) und monoklonalen Antikörpern, die durch die Ermöglichung einer Massendiagnostik für eine wahrhaftige Revolution in der Medizin gesorgt haben. Die heutige, exakte Medizin ist hoch technologieträchtig und bedarf riesiger Expertenteams, die aus Bereichen wie Robotik, Biochemie, Genetik, Bioinformatik sowie Ingenieurswissenschaften interdisziplinär an neuen Entwicklungen arbeiten.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es unendliche Möglichkeiten und Chancen in der Biotechnologie. Frühdiagnostik und personalisierte Medizin stecken noch in den Kinderschuhen. Auch im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen, wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose, erwartet man sich große Fortschritte. Derzeit werden noch Symptome therapiert und für die Früherkennung fehlt es unter anderem an diagnostischen Biomarkern. „Die Kosten im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen liegen europaweit bei ca. € 130 Mrd. und sie werden interpoliert geschätzte € 250 Mrd. im Jahr 2030 erreichen“, so Katinger. Weitere Hoffnungsgebiete sind „cell-based therapies“ und neue Biomarkerstrategien mit sogenannten non-coding RNAs. „Es ist wichtig in die Grundlagen- und Erkenntnisforschung zu investieren, und es gibt so viele gute und wichtige Ideen, die neue Türen öffnen können“, so Katinger.

Finanzierungsstrategien für Hoffnungsträger
Der Frage nach der Finanzierung lebenswichtiger Ideen ging Johannes Sarx, MBA, B.Sc., Geschäftsführer des Wiener Life Science Clusters LISAvienna, nach. Auslaufende Patente und Generika sorgen für sinkende Umsätze und beschränkte Marketingmöglichkeiten, machen jedoch weiterführende Forschung unumgänglich. Von den immer knapper werdenden finanziellen Mitteln belegen Forschung und Entwicklung 30 Prozent der zur Verfügung stehenden Umsätze. Nicht nur das, sondern auch die Kosten hoch spezialisierter Expertenteams stellt die Biotechnologie vor wirtschaftliche Herausforderungen. Die regulativen Anforderungen in Bezug auf Effizienz und Sicherheit erhöhen Entwicklungskosten weiter und auch Patientenanforderungen tragen durch eine transparente Informationsbeschaffung via Internet zu einer Kostensteigerung bei. Gerade für junge Unternehmen gestaltet sich die Finanzierung von neuen Projekten also besonders schwer. „Nur einer von 3.000 bis 10.000 entdeckten Wirkstoffen schafft es zur Zulassung, und selbst dann ist nicht garantiert, dass er zu einem Verkaufsschlager wird“, untermalt Sarx die Situation in der Branche.

In den ersten ein bis zwei Jahren benötigt die Medikamentenentwicklung im Schnitt € 1 bis 3 Mio. für initiale präklinische Studien, gefolgt von weiteren € 3 bis 5 Mio. für die regulatorische Präklinik. Nach dem Durchlaufen aller klinischen Entwicklungsphasen 1 und 2 gipfelt der Finanzbedarf in bis zu mehreren € 100 Mio. für Phase 3 Studien. Die hohen Kosten bedingen, dass Firmen nicht mehr das Risiko für die gesamte Entwicklungszeit übernehmen können. Je nach Reifegrad des Unternehmens ändern sich der Finanzbedarf und auch die möglichen Finanzierungsquellen. In den frühen Phasen sind die Firmen von den 3 F`s (friends, family, fools), Business Angels oder staatlichen Förderungen abhängig. In späteren Entwicklungsphasen kommen auch Beteiligungskapital, Pharmakooperationen, sowie in selten Fällen der Börsengang, in Frage. Die klassische Bankenfinanzierung ist für Biotechfirmen meist nie eine Option. Der „Survival Index“ für Biotechnologiefirmen beschreibt die kritische Finanzierungssituation: 39% der Biotechfirmen in Europa und Nordamerika besitzen nur ausreichende finanzielle Mittel für weniger als ein Jahr. Zusätzlich schwankt die Verfügbarkeit des Kapitals von Jahr zu Jahr.

Hier kommen stabile Finanzierungsformen, wie staatliche Programme, ins Spiel. Eines davon sind die LISA-Seed und PreSeed-Programme der Förderbank des Bundes, austria wirtschaftsservice (aws), deren Auftraggeber das Bundesministerium für Wirtschaft ist und welche Unternehmensfinanzierungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette anbietet. „Das aws hat versucht, ein Ökosystem aus verschiedensten Dienstleistungen rund um die Finanzierungen aufzubauen“, beschreibt Sarx die Leistungen der Förderbank. Der Businessplan-Wettbewerb Best of Biotech, Beratungsservices, Unterstützung in der Akquise fehlender Förderungsmittel sowie das Abhalten von Vorlesungen auf Universitäten sind nur einige der Leistungen, die Biotechnologiefirmen in Anspruch nehmen können. Viele dieser Leistungen werden durch den Wiener Life Science Cluster LISAvienna übernommen, eine Arbeitsgemeinschaft von aws und ZIT – die Technologieagentur der Stadt Wien.

Neue Kooperationsmodelle als Lösungsansatz
„Können wir es uns auf Dauer leisten, die Biotechnologie-Forschung nicht zu finanzieren?“ stellt Katinger abschließend in den Raum. Die Experten sind sich einig, dass es neue Modelle der Zusammenarbeit brauche, um eine nachhaltige und ausreichende Finanzierung zu gewährleisten. Kollaborative Modelle aus staatlichen Programmen und der Pharmaindustrie (z.B. zur Schaffung von großen Screening-Einrichtungen) seien eine der zukunftsträchtigen Ideen, die es nun gilt anzudenken.

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Die in diesem Pressetext verwendeten Personen- und Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide Geschlechter bezogen.