PMCA Impuls-Report / 15.10.2012 / Der chronisch kranke Patient

Die Anzahl an chronisch kranken Patienten wächst stetig. Dementsprechend aktuell und relevant ist dieses Thema für die Gesellschaft, Medizin und Pharmaindustrie. Die Ursachen für die zunehmende Inzidenz sind nicht ausreichend geklärt, die genetische Veranlagung, eine geschwächte Immun-Abwehr und exogene Faktoren, wie der Lebensstil oder Antibiotikatherapien können aber eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Den Fragen, „Wie die Realversorgung in Österreich aussieht“, und „Ab wann ein Patient als chronisch krank eingestuft wird“, wurde am siebten PMCA-Impuls Abend nachgegangen.

Zu Beginn des siebten, und für dieses Jahr letzten PMCA-Impuls Abends 2012 präsentierte Präsidentin Ines Windisch den frisch gewählten Vorstand des PMCA, und hieß besonders die neuen Mitglieder willkommen: Erika Sander (IMS), Ulrich Grottenthaler (Boehringer Ingelheim), Elisabeth Marschall (Menarini) und Daniel Furtner (Amgen).

Anschließend wurde der PMCA-Impuls, der ganz im Zeichen des chronisch Kranken stand, mit den Expertenvorträgen begangen. Zu Gast waren DI Berthold Reichardt (Burgenländische Gebietskrankenkasse) und Prof. Dr. Walter Reinisch (AKH Wien).

 

Realversorgung im Burgenland – Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Anhand von Statistiken gab der Behandlungsökonom DI Berthold Reichardt von der Burgenländischen Gebietskrankenkasse (195.000 Anspruchsberechtigte) Einblick in die medikamentöse Patientenversorgung. Die Daten der Realversorgung zeigen eine hohe jährliche Neueinstellungsrate bei Kardiaka von ca. 20 %, bei Psychopharmaka von ca. 40 % und bei Medikamenten für Lungenerkrankungen von über 50 %. Neue Therapieprinzipien oder auch Generika können daher auch bei den meisten chronischen Erkrankungen innerhalb weniger Quartale alleine über Neueinstellungen implementiert werden. Bei den Herz-Kreislauf-Medikamenten gibt es zwar einen relativ hohen Anteil an Einmalverordnungen von 10 – 20 %, allerdings liegt die Therapietreue bei den Kardiaka oder den Lipidsenkern mit 60 – 80 % Therapietreue nach 24 Monaten beachtlich hoch. Als problematisch sieht DI Reichardt die Polypharmakotherapie. 3.341 burgenländische Patienten haben in den ersten beiden Quartalen 2012 jeweils über zehn unterschiedliche Substanzen erhalten, zum Teil auch Kombinationspräparate mit mehreren Wirkstoffen. Hier wird auf ein Verbesserungspotenzial hingewiesen. Als grundlegende Versorgungsziele sieht der Experte für Behandlungsökonomie eine patientenorientierte Zielsetzung, getragen von validen Messparameter und einem transparenten Veränderungsmanagement. „Die Burgenländische Gebietskrankenkasse publiziert daher regelmäßig ihre Versorgungsanalysen in Berichten und Fachmedien“, informiert DI Reichardt.

 

Chronisch-entzündliche Erkrankungen im Vormarsch

Der führende Spezialist für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) von der Universitätsklinik für Innere Medizin III in Wien, Prof. Dr. Walter Reinisch, präsentierte anhand internationaler Zahlen den steigenden Trend für chronisch-entzündliche Erkrankungen. „Autoimmunerkrankungen zeigen ein besonders interessantes Verteilungsmuster, und zwar einen Nord-Süd-Gradienten. Im Norden sind Autoimmunerkrankungen häufiger anzutreffen als im Süden. Dies kann unter anderem an der Sonneneinstrahlung und der damit einhergehenden Versorgung mit Vitamin D liegen“, erklärt Prof. Dr. Reinisch. Als chronisch krank werden Patienten bezeichnet, wenn sie einen bestimmten Zeitraum unter chronisch entzündlichen Prozessen leiden. Im Bereich der Darmerkrankungen bedeutet dies beispielsweise Durchfälle ab vier bis sechs Wochen. Obwohl es aus Österreich kaum Zahlen gibt, ist europaweit seit 1980 ein Anstieg der Patienten mit CED von bis zu 300%  zu verzeichnen.

 

Schwerwiegende Konsequenzen für die Patienten

Nicht selten kommt es bei chronisch entzündlichen Erkrankungen zu schweren Verläufen und einer erhöhten Mortalität. In den meisten Fällen verlaufen die Krankheiten progressiv, sie schreiten voran und zerstören Gewebe. Es kommt zu irreversiblen Schäden, eine Operation um befallenes Gewebe zu entfernen kann notwendig sein. „80-90% der Patienten mit multipler Sklerose werden zumindest einmal in ihrem Leben operiert“, so Prof. Dr. Reinisch. Besonders schwerwiegend sind die Auswirkungen für Jungerkrankte. Je jünger die Patienten, desto progressiver zeigt sich die Krankheit. Ein Betroffener im Alter zwischen 0 und 19 Jahren verursacht insgesamt Kosten von bis zu 17.000 € pro Jahr. Doch auch die sozioökonomischen Folgen für die Patienten sind nicht zu unterschätzen. Eine Umfrage unter Betroffenen ergab, dass 96% der Erkrankten an Müdigkeit leiden, 74% ihrer Arbeit nur eingeschränkt nachgehen können, 40% daran gehindert werden eine Beziehung zu führen, und 34% aufgrund der Erkrankung ein Beziehungsende erlebten.

 

Die Darmflora und ihr Anteil an der Gesundheit

Die Ursachen für Autoimmunerkrankungen sind immer noch nicht hinreichend bekannt. Im Bereich der Darmerkrankungen konnte im Rahmen einer Studie aber festgestellt werden, dass sich die Darmflora bei chronisch entzündlichen Erkrankungen verändert. Ist bei gesunden Menschen das bakterielle Genom sehr vielfältig, so finden sich bei Morbus Crohn Erkrankten deutlich weniger Bakterien in der Darmflora. Beeinflussbar ist die Darm-Mikrobiota durch Faktoren wie Hygiene und Wasserqualität, Diät und Ernährung, Familiengröße, Stadtleben oder Medikationen. Beispielsweise konnte nachgewiesen werden, dass die frühkindliche und wiederholte Einnahme von Antibiotika die Darmflora irreversibel verändert, und dadurch ein erhöhtes Risiko besteht, an CED oder Asthma bronchiale zu erkranken.

 

Österreichisches Versorgungssystem nicht ausreichend

Immer mehr Patienten leiden unter entzündlichen Prozessen. Doch die Versorgung ist in vielen Fällen nicht ausreichend gegeben. Viele Erkrankungen können erst sehr spät diagnostiziert werden, über ihre Prävention ist nur wenig bekannt. Der vorherrschende Personalmangel im Gesundheitswesen ist ein zusätzliches Problem des österreichischen Gesundheitssystems. Auch wird sehr viel getan um Symptome zu bekämpfen und Komplikationen zu behandeln, die Risikominimierung steht aber im Hintergrund. Hier sieht Prof. Dr. Reinisch die Notwendigkeit zu handeln. „In Österreich können sehr viele wirksame Medikamente eingesetzt werden. Da immer mehr Patienten nachkommen, muss es das Ziel sein diese mit den besten Präparaten zu versorgen. Noch wichtiger wäre es aber herauszufinden, was diese Krankheiten auslöst und was man tun kann, um diesen vorzubeugen.“

 

Über den PMCA

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