PMCA Impuls-Report / 10.6.2013 / Die Bedeutung von OTC-Präparaten in der österreichischen Gesundheitsversorgung

PMCA Impuls-Report / 10.6.2013 / Die Bedeutung von OTC-Präparaten in der österreichischen Gesundheitsversorgung

Es besteht in der Gesundheitspolitik das übergeordnete Ziel, in allen Bereichen des österreichischen Gesundheitssystems vorhandene Optimierungspotenziale zu identifizieren. Zu diskutieren ist beispielsweise, inwieweit der Einsatz von OTC-Präparaten zur Optimierung beitragen kann. Das Gutachten „Der gesundheitsökonomische Stellenwert von OTC-Präparaten in Österreich“, erstellt im Auftrag der IGEPHA, liefert dazu eine valide wissenschaftliche Grundlage und erläutert die Bedeutung von OTC-Präparaten in der Gesundheitsversorgung aus medizinischer und gesundheitsökonomischer Sicht.

(Wien, 12. Juni 2013) – Mit ihrem Gutachten „Der gesundheitsökonomische Stellenwert von OTC-Präparaten in Österreich“ stellten Prof. Dr. Uwe May und Cosima Bauer, M.A. die Bedeutung von OTC-Präparaten in der österreichischen Gesundheitsversorgung aus einer umfassenden gesellschaftlichen Betrachtungsweise heraus dar. Das Gutachten stellt unterschiedliche Behandlungspfade einander gegenüber und zeigt anhand wissenschaftlicher berechneter Szenarien auf, wie wichtig die Anwendung von OTC-Präparaten für die Stabilität des Gesundheitssystems ist. Im ersten Teil des Abends präsentierten die Studienautoren einen Überblick über die Studienergebnisse, im zweiten Teil diskutierten Experten in einer kleinen Diskussionsrunde gemeinsam mit dem Publikum.

 

Österreich: Potenzial für OTC

Die Marktanalyse und ein Ländervergleich zeigen, dass der OTC-Markt in Österreich erhebliche Steuerungs- und Entwicklungspotenziale aufweist. Als Indikatoren für das landesspezifische OTC-Klima bewerteten die Autoren die Anzahl der Switches, OTC Marktdaten und die öffentliche Meinung zur Selbstmedikation. Dabei zeigte sich, dass Österreich mit einem OTC-Marktanteil von 23 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 33 Prozent liegt. Die Studie unterstreicht aber auch, dass das österreichische Gesundheitssystem ohne OTC gar nicht vorstellbar wäre – würden nur zehn Prozent der OTC-Anwendungen durch Arztbesuche ersetzt, so wären zusätzliche 8,9 Millionen Arztkontakte zu bewältigen; die Sozialversicherungen müssten Mehrkosten von 179 Millionen Euro finanzieren.

Die Anzahl der Verordnungen würde um 11,4 Millionen ansteigen und 171 Millionen Euro (inkl. Rezeptgebühr) ausmachen. Umgekehrt spart laut Gutachten jeder Euro für OTC-Anwendung dem österreichischen Gesundheitssystem 5,20 Euro an direkten Kosten, zusätzlichen indirekten Kosten und Opportunitätskosten. Ein vollständiger Verzicht auf OTC würde zusätzliche Arztkosten von 1,3 Mrd. Euro und Verordnungskosten von rund 1 Mrd. Euro pro Jahr bedeuten, der zusätzliche Patientenansturm würde 13 Millionen Arzt-Arbeitsstunden erfordern. Volkswirtschaftliche Kosten durch einen Verzicht auf OTC belaufen sich auf rund 730 Millionen Euro pro Jahr. Darin sind therapie- und krankschreibungsbedingte Arbeitsunfälle enthalten.

Die Autoren leiten aus ihren Analysen erhebliche Entwicklungspotenziale für den österreichischen OTC-Markt ab, die zugleich Auswege aus einer ökonomisch-gesundheitspolitischen Zwangslage darstellen können: Durch verstärkte OTC-Anwendung können knappe Ressourcen geschont, Kosten gedämpft und die Eigenverantwortung gestärkt werden.

 

Leitidee: Umverteilung der Ressourcen

Die Österreicher verwenden OTC-Präparate sehr restriktiv sowie risiko- und verantwortungsbewusst. Die medizinischen Grenzen der OTC-Anwendung sind in Österreich noch nicht ausgeschöpft. Patienteninfos sind notwendig, um die Bereitschaft und Fähigkeit zur verantwortungsvollen OTC-Anwendung zu fördern. Apotheker und Ärzte können einen wichtigen Beitrag zur Anwendungssicherheit von Selbstmedikation leisten. Aus einer verstärkten OTC-Anwendung soll sich – so die Autoren – eine Verlagerung zugunsten des ambulanten Sektors und der Selbstbehandlung sowie eine Verschlankung der Kostenpyramide ergeben. Als sanfte Steuerungsmöglichkeiten schlagen May und Bauer u.a. verbesserte Informationsangebote für Patienten, ein sogenanntes Selbstmedikationsbudget oder Prämien bzw. Beitragsrückerstattungen vor. Auch das in Deutschland bereits erprobte „Grüne Rezept“ könne möglicherweise sinnvoll auf österreichische Verhältnisse übertragen werden.

 

Zusammenfassung der Podiumsdiskussion – Kernaussagen der Teilnehmer in alphabetischer Reihenfolge:

Mag. Alfred Grün – Präsident der IGEPHA

Der Anteil von OTC Präparaten liegt in Österreich unter dem EU Durchschnitt und auch deutlich unter unserem Nachbarland Deutschland. Wir haben die Gesundheitsökonomiestudie in Auftrag gegeben, um wissenschaftlich fundierte Aussagen zur Bedeutung der Selbstmedikation und zu möglichen Zukunftsszenarien zu erhalten. Die Resultate der Studie zeigen, dass es in Österreich durchaus einen Aufholbedarf hinsichtlich der Anwendung von OTC Präparaten gibt. Während beispielsweise in Deutschland viel mehr OTC-Präparate am Markt sind, ist bei uns der Anteil an erstattungsfähigen Medikamenten höher. Dazu kommt eine historisch gelernte Autoritätsgläubigkeit, die den Ausbau des OTC Bereiches nur schleppend vorankommen lässt. Darüber hinaus wird von Seiten der Ärzteschaft immer wieder der Vorwurf geäußert, dass der Österreicher nicht mündig genug wäre, im selbstverantwortlich zu agieren.“

„Tatsache ist, dass unser Gesundheitssystem schwächelt, nie genug Geld vorhanden ist. Uns geht es nicht um Einsparungen sondern um eine Umverteilung. Wir möchten mögliche Einsparungspotentiale aufzuzeigen, damit die freigespielten monetären Ressourcen dann wieder in die Gesundheit investiert werden können. Umfragen belegen, dass Menschen bereit sind, durchaus  20 Euro und mehr für ein Arzneimittel zu bezahlen. Diese Einnahmen könnten in Projekte investiert werden, die derzeit gar keine Unterstützung erhalten.“

„Bei der Gesundheitsreform geht es – wie so oft in Österreich – eher um politische Interessensabgrenzungen und das Verteilung des vorhandenen Budgets. Auch die E-Medikation ist für mich ein politisch strittiges Projekt und mir wäre es lieber gewesen, der Impuls dazu wäre aus der Konsumentenbewegung gekommen.

 

Prof. Dr. Uwe May – Studienautor und Gesundheitsökonom

„Es geht immer darum Geld sinnvoll einzusetzen und nicht einfach die Kosten zu minimieren! Das Bewusstsein für den Zwang zu sparen, für Knappheit ist in Österreich generell nicht besonders ausgeprägt – weder in Fachkreisen noch in der öffentlichen Wahrnehmung. Somit ist das Gewicht, das man dem Thema Eigenverantwortung beimisst in Österreich generell geringer.“

„Unser Fokus auf die Ökonomie und die Kosten ist notwendig, um in der Politik gehört zu werden.“

„Aus wissenschaftlicher Sicht hat die Selbstmedikation keine Sicherheitsproblem – nicht in Österreich, nicht in Europa. Die Chancen der E-Medikation tragen, wenn das System richtig aufgestellt ist, sicherlich zur weiteren Erhöhung der Sicherheit bei.“

„Die Gesundheitsreform und unsere Fakten und Daten können Chancen bieten, die Diskussion über Selbstmedikation mit mehr Transparenz und Offenheit zu führen.“

 

Mag. Dr. Michael Müller – Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft, Stabstelle Gesundheitsmanagement

„Die Stärkung der Eigenverantwortung ihrer Mitglieder ist für die SVA kein gesundheitspolitischer Trend, sondern fester Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Das neue Programm „Selbständig Gesund“ zielt darauf ab die Eigeninitiative und gesundheitsbewusstes Verhalten der Teilnehmer zu stärken. Gesundheitswissenschaftliches Modell im Hintergrund der Initiative ist das Patient Empowerment, welches seit mittlerweile über 20 Jahren die Rolle der Patienten im Gesundheitswesen stark verändert hat. Im Rahmen des Programms identifizieren die Teilnehmer gemeinsam mit ihrem Hausarzt individuelle Gesundheitsziele in fünf gesundheitsrelevanten Bereichen (Gewicht, Alkoholkonsum, Bewegung, Blutdruck und Rauchen) – erreicht man diese Ziele, reduziert die SVA Selbstbehalte für ärztliche Leistungen der nächsten Jahre von 20% auf 10%.“

Eigenverantwortung in der Gesundheitsvorsorge ist auch in Zukunft ein wichtiges Thema der SVA. Bei der Planung neuer Initiativen ist die Wahl der richtigen Zielgruppe erfolgskritisch. Im Bereich der Selbstmedikation gilt es von bereits erfolgreichen Projekten zu lernen – „Die E-Medikation kann den Rahmen für die Förderung der Selbstmedikation darstellen und bietet auch die notwendige Sicherheit für die Patienten. Am Beispiel „Arzneimittelsicherheitsgurt“ und „Therapie Aktiv in Oberösterreich“ zeigt sich wie das umfassende Wissen der Pharmazeuten versorgungswirksam genutzt werden kann.“

 

Mag. pharm. Max Wellan – Präsident der Apothekerkammer

„Der Trend zum mündigen Patienten ist in der täglichen Arbeit an der Tara spürbar. Die Selbstmedikation wird daher in Zukunft einen wichtigeren Stellewert einnehmen. Gerade deshalb ist in diesem Bereich die umfassende Beratung durch die Apotheker wesentlich. Die Rolle der Apothekerschaft ist es, die Patienten/Kunden bei der Wahl des Produktes zu unterstützen und sie hinsichtlich Einnahme bzw. Anwendung, Wirkung- und Nebenwirkungen aufzuklären.“

„Arzneimitteltherapie ist mehr als nur das Produkt. Hinzu kommen das Wissen um die Anwendung sowie der emotionale Zugang/die emotionale Betreuung – ein Faktor, der in gesundheitsökonomischen Studien immer wieder vergessen wird. Aus meiner Sicht ist auch die Erkenntnis wichtig, wann ein Patient wirklich zum Arzt geschickt werden muss. Grundsätzlich entwickelt sich das Bedürfnis der Patienten zunehmend in Richtung Gesamtlösungskonzepte, die zum Beispiel auch Apps beinhalten oder den Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe anbieten. Dies sehe ich als künftige Aufgabe der Pharmaindustrie, die den Patienten dadurch neuen Zugänge bieten soll.“

„Die Aufwertung der Selbstmedikation sehe ich auch im Hinblick auf den „Best-point-of-Service“ (Apotheke), der im Rahmen der Gesundheitsreform ein wesentlicher Punkt ist.“

„Im Rahmen der Selbstmedikation ist der Nutzen für den Patienten in den Vordergrund zu stellen. Eine ausgewogene Beratung durch die Apotheker ist dabei essentiell. Sie darf nicht zu viel und nicht zu wenig sein.“

„Die Arzneimittelsicherheit ist unsere zentrale Aufgabe im System. E-Medikation wird bereits gelebt und die kommende Datenvielfalt unterstützt uns in der Beratung noch einmal wesentlich. Die Selbstmedikation wird in der E-Medikation ebenfalls Eingang finden – so erhalten wir einen umfassenden Überblick über die Medikation der Patienten.“